
Gastkonzert des hr-Sinfonieorchesters
Sonntag, 22. Februar 2026
17 Uhr
Aula der
Albert-Schweitzer-Schule,
Schillerstraße 1, 36304 Alsfeld
DIE KÜNSTLER
Hába-Quartett
Artur Podlesniy - Violine
Sha Katsouris - Violine
Christoph Fassbender - Viola
Arnold Ilg - Violoncello
Mehr Informationen finden Sie hier!
PROGRAMM
Hugo Wolf
italienische Serenade (1887)
Joseph Haydn
Streichquartett op. 76 Nr. 2 d-moll „Quintenquartett“
Alexander Borodin
Streichquartett Nr. 2 D-Dur (1881)
Mehr Informationen finden Sie hier!
Programmbetrachtungen
Haydns Kosmos und Borodin als „Medizin“ – hr-Streicher bei Alsfeld Musik Art
Das Frankfurter Hába-Quartett bereichert die Musikreihe gleichermaßen glanzvoll und sprechend
„Auftakt“ heißt die Konzertreihe des hr-Sinfonieorchesters mit Frankfurter Künstler-Debüts. Ein kammermusikalischer ‚Auftakt‘ war das zweite Alsfeld-Musik-Art-Konzert dieses Jahres gleich doppelt: Erstmals ist das Hába-Quartett, die mittlerweile älteste Formation aus den Reihen des Rundfunk-Sinfonieorchesters, in Alsfeld zu Gast gewesen, und dabei hatte das renommierte Streichensemble seinen allerersten Konzertabend in neuer Besetzung, nämlich mit Christoph Fassbender an der Viola. Er nimmt den Platz von Peter Zelienka ein, der Alsfeld Musik Art lange Zeit freundschaftlich verbunden war, bevor er im November 2024 überraschend verstarb. Fassbender zur einen Seite: Sha Katsouris und Artur Podlesniy an den Violinen, zur anderen: der Cellist Arnold Ilg.
Auf den ersten Blick folgte das nun in Alsfeld zu seiner ersten Aufführung gekommene Quartett-Programm einer per-aspera-ad astra-Dramaturgie: aus düstern Sphären hinauf zu lichteren, sprich hier: von Haydns d-Moll-Quartett op. 76/2 zu Borodins 2. Streichquartett. In der Umsetzung erzeigte sich das Ganze weitaus differenzierter.
Joseph Haydn schrieb seine sechs Erdödy-Quartette (benannt nach dem Auftraggeber) 1796/97 in einem Alter, das die beiden andern Komponisten der Programmfolge nicht erreicht haben: mit Mitte 60. Am bekanntesten daraus ist das ‚Kaiserquartett‘ mit seinem Variationensatz über „Gott erhalte Franz den Kaiser“, die Melodie der heutigen bundesdeutschen Hymne. Ihm voran in Haydns Werkreihe steht das angesichts seines Ausgangsmotivs so genannte „Quintenquartett“ d-Moll, auf das sich das sehr konzentriert lauschende Publikum in der voll besetzten Aula der Albert-Schweitzer-Schule zuerst einzustellen hatte – keine allzu leichte Kost; hier freilich wurde sie rundum zum Erlebnis: als vielfach augenzwinkerndes Spiel zwischen Konvention, ironischer Brechung und Rebellion. Es vermittelte das Kontrastprinzip des späten Haydn in der Satzfolge ebensowohl als im Kleinen, und seine mannigfache Humoristik, die sich besonders auch auf den Einsatz polyphoner Strukturen erstreckt.
Gegenüber den in der Komposition angelegten Schroffheiten des ersten Satzes und seinen dunklen Einfärbungen betonte die Interpretation durch das Hába-Quartett auch die lieblichen und emphatischen sowie geradezu ätherischen Momente. Sehr überzeugend wurden die häufigen Wechsel zwischen den Ausdruckslagen vollzogen, und damit war der akustische Blick in Haydns oft unterschätzten musikalischen Kosmos gleich eingangs aufgetan, um dann mit dem weiteren Verlauf in reichen Gegensätzen aufgefächert zu werden. Das folgende Andante war dabei so sehr auf rokokohafte Grazie angelegt, dass einige Phrasen fast etwas kleinteilig gerieten; andererseits kam das seiner luftig bis duftigen Auslegung zugute und brachte zur Geltung, dass Haydn hier im Grunde zwei menuettartige Sätze einander folgen lässt, wie sie unterschiedlicher kaum sein könnten: nach der hellen, leichtfüßig daherkommenden Ausprägung des höfischen Tanzes im Andante sodann als 3. Satz seine „Nachtseite“ in Gestalt eines der eigenwilligsten Haydnschen Menuette; dass es passagenweise Beethovensche Scherzi vorausahnen lässt, verdeutlichte das gestisch und mimisch sprechende, manch ein Schmunzeln einschließende Interagieren der Ausführenden. Das Hauptthema des knapp gefassten Kehraus-Finales bedient sich eher untypisch der so genannten Zigeuner-Molltonleiter; und der hohe Ton „zuviel“ am Themenende konnte in seiner Darreichung durchaus als klangliches Pendant einer hochgezogenen Augenbraue wahrgenommen werden. Wenn sich zum Schluss hin die Dur-Tonalität mehr und mehr Bahn bricht, so war das hier als wohldosierter, etappenweiser Stimmungswechsel aufs Schönste mitvollziehbar, wie ein allmähliches Aufkeimen des Frühlings nach langen Winterwochen.
Solche Plastizität setzte sich fort in der Interpretation der ‚Italienischen Serenade‘ von Hugo Wolf, eines fast 100 Jahre jüngeren Stücks. Es ist eins der eingängigsten und beliebtesten Werke im insgesamt eher sperrigen Œuvre des verbissenen Wagnerianers und Wienerischen Grantlers. In der Serenade aber lässt Wolf mit Italianitá, Esprit, Furor gar ein lebhaftes Abendständchen vor uns erstehen, und die vier des Habá-Quartetts führten es nachgerade szenisch vor die Sinne, in großer musikalischer Anschaulichkeit Assoziationsstränge öffnend: zu unbeholfenen Annäherungen und Beteuerungen, Liebes-Hochgefühl und -schwüren, Abweisung womöglich, Paradieren und Marschieren, bis hin zu ‚Katzenmusik‘.
An den Serenaden-Ton knüpfte das Programm nach der Konzertpause an. Alexander Borodin, ein genauer Altersgenosse von Brahms und mithin – der zeitlichen Einordnung nach – Spätromantiker, war musikalisch eher ein Traditionalist, der an der frühen Romantik Schuberts und vor allem Mendelssohns sich orientierte. Bei aller Grazie und Gefälligkeit seiner Setzungen, gerade auch im 2. Streichquartett, gibt es jedoch immer wieder Fenster in tiefere Bezirke, ja in Abgründe hinab, und genau diese Ambivalenz seiner Tonsprache bildete eine Richtschnur für die Interpretation durch das Hába-Quartett. Borodin war ein bedeutender Chemiker und Universitätsprofessor, Musizieren (vorrangig auf dem Cello) und Komponieren „nur“ sein „Hobby“, das er jedoch mit anerkannter Professionalität ausübte. Die Programmzusammenstellung bot Gelegenheit, den Tanzsatz seines 2. Quartetts mit den Haydnschen Gegenstücken abzugleichen, welch ein Unterschied! Borodin beglückt mit einer Art Elfenreigen, zwischen Huschen, Hauchen, Schweben, Umfangen; und das fungiert bei im zugleich als Vorbereitung auf das Herzstück seines Opus, das sehr bekannte und vielfach adaptierte „Notturno“, ein tröstlich-verträumtes Stück. Namentlich in einer Darbietung wie der gehörten entwickelt dieser Satz aus dem Dahingleiten und Pulsieren einen unwiderstehlichen Sog. Schon Borodin selbst war indes bestrebt, sein Streichquartett der Gefahr salonmusikalischer „Nettigkeit“ zu entheben, und fügte ihm einen zerklüfteten letzten Satz an. Ähnlich wie vieles in Beethovens spätem Streichquartett-Schaffen, auf das Borodin hier explizit Bezug nimmt, blieb sein Finalsatz noch bis ins 20. Jahrhundert manch einem unverständlich. In der Tat wirkt er, ausgespannt zwischen Ruppigkeit und Fahlheit, zunächst wie ein Fremdkörper; doch genau in der Kombination von Anleihen aus den Rändern der Klassik, Elementen russischer Folklore und hymnisch-romantischen Momenten erweist sich Borodin als ein Komponist von Rang – und sogar ein Stück Modernität, indem das Ganze wie unversöhnt, ins Ungewisse hinein endet. All dies vermochte die zu erlebende, sehr reflektierte und zugleich überaus klangsinnliche Alsfelder Darbietung am Sonntag auf großartige Weise zu vermitteln.
Als Zugabe bescherte das Hába-Quartett dem dankbaren Publikum einen besonders tief kriechenden „Ohrwurm“, mittlerweile bekannt ‚wie ein bunter Hund‘: den Walzer Nr. 2 aus Dmitri Schostakowitschs Suite für Varieté-Orchester.
Dr. Walter Windisch-Laube
Mehr Informationen finden Sie hier!
