Dover Quartet bei Alsfeld Musikart
Das Dover Quartet begeisterte sein Publikum – Foto: Walter Windisch-Laube

Amerikanische Botschaften von der Bühne

Das Dover Quartet brilliert eindringlich bei Alsfeld Musik Art



19.11.2025
Oberhessische Zeitung

In Zeiten wie diesen ist es von großer Bedeutung, die Zuschreibung „amerikanisch“ auf möglichst diversifizierende Weise zu vermitteln. Dass ausgerechnet ein Streichquartett dabei in die Rolle des Botschafters schlüpft, ist eher ungewöhnlich. Freilich ereignete sich dies am Samstag bei Alsfeld Musik Art nicht demonstrativ, sondern indirekt und subtil – im Zuge einer Programmgestaltung, die amerikanische Kompositionen indigener Prägung mit klingendem europäischem Amerikanismus kombiniert.

Von den ersten musikalischen Motiven, Bögen und Phrasen des Dargebotenen an war zu spüren, dass hier vier virtuose Musiker als ein Klangkörper perfekt aufeinander abgestimmt agieren, mit einem enormen Sinn für Steigerungen und für Kontraste. Joel Link und Bryan Lee (Violinen), Pierre Lapointe (Viola) und Camden Shaw (Violoncello), zusammen das Dover Quartet bildend, gelten zu Recht, wie sich im Laufe des Konzerts mehr und mehr erwies, als eines der führenden Streichquartette der ‚Neuen Welt‘.

Und Neuland betraten sie für die mitteleuropäische Hörerschaft und mit ihr zuvörderst dadurch, dass im ersten Programmteil zwei Komponistinnen und ein Komponist präsentiert wurden, die hierzulande so gut wie niemand kennt. Jessie Montgomery (*1981) ist eine vielfach preisgekrönte New Yorker Komponistin der mittleren Generation. Der Titel „Strum“ ihres einsätzigen Werkes, mit dem das Dover Quartet sein Konzert eröffnete, kann im Englischen so viel meinen wie schrammeln, über die Saiten streichen oder klimpern, oder auch eine Kurzform des italienischen ‚Strumenti ad arco‘ / Streichinstrumente sein. Pizzicato, gezupft, beginnend, steigert sich „Strum“ zu einem dichten Geflecht aus Streicher-Linien hin – mit einer Stilistik, die einerseits an Janáček, andrerseits an Copland gemahnt und dabei fast ohne Jazz-Elemente auskommt.

Es folgten im Programm zwei Werke aus dem reichen Schatz der „First Nations“ und „Native Americans“, also der indigenen nordamerikanischen Bevölkerung: eines als Streicher-Arrangement des indigenen Komponisten Jerod Impichchaachaaha Tate (*1968) und eine von dessen Eigenkompositionen. Zunächst erklangen in seiner Bearbeitung die „Rattle Songs“ der 1959 geborenen Singer-Songwriterin Pura Fé mit Wurzeln bei den Tuscacora in den kanadischen Woodlands. Die sieben ‚Rassel-Lieder‘ – benannt nach der Tradition des Schüttelns von Schildkrötenpanzern und Muscheln – sind eine Hommage an die nordamerikanischen Ureinwohner. Diese quasi Suite kommt äußerst kontrastreich, klangbetont und rhythmisch prononciert daher, wobei die Tonbildungs- und Ausdrucks-Möglichkeiten der Streichquartett-Besetzung voll ausgelotet werden, unter Einbezug auch solcher Techniken wie Flageolett (Erzeugung flötenartig klingender Obertöne) und Pizzicato. Die letzten beiden Sätze sind auch Musik über Musik: „Women’s Shuffle“, mit Anklängen von Hillbilly-/ Old-Time Music, und „Great Grandpah’s Banjo“: ein Charakterstück, das, obgleich dem traditionellen nordamerikanischen Zupfinstrument geltend, gänzlich ohne gezupfte Töne auskommt.

Die fünf „Woodland Songs“ von Jerod Impichchaachaaha Tate widmen sich äußerst variantenreich den Waldtieren Eichhörnchen, Specht, Hirsch, Waschbär und Fisch. Die Tiere werden dabei nicht vordergründig mit Imitation von äußeren Eigenschaften zur Darstellung gebracht, sondern als Charaktere, ja geistig-ethisch-emotionale Archetypen begriffen und musikalisch vorgestellt. Hierbei geht es oftmals, auch mit asymmetrischen Rhythmen, sehr zupackend zu, so gleich im einleitenden Eichhörnchen-Satz. Beim Specht steht nicht dessen Klopfen im Vordergrund, der Hirsch (mit klanglich berückendem Flageolett-Beginn) wird weniger als majestätisches denn als ein Tier der Weisheit und magischen Erscheinung dargestellt und gleichsam dem Blick des Jägers entzogen. Der sämige Quartettklang, die bis zur Perfektion getriebene Genauigkeit und der musikantische Zugriff des Ensembles verfehlten ihre Wirkung nicht.

Die eminente Spielfreude des Dover Quartet erreichte bei Antonín Dvořáks F-Dur-Streichquartett op. 96 aus dem Jahr 1893 ihren und des Konzertes Höhepunkt. Da in den Vereinigten entstanden und mit ‚indianischen‘ Anleihen bestückt, trägt es den Beinamen ‚Amerikanisches Quartett‘. Selten ist dies Werk so dynamisch, zwischen Klangfeuerwerk und Zurücknahme changierend, zu hören gewesen. Der Gesamtklang hatte kaum je die (bewusst eingesetzte) Fragilität, mit der Ensembles im Gefolge der historischen Aufführungspraxis manche Sätze angehen, sondern war stets sehr dicht und in allen Abstufungen volltönend, gleichwohl transparent.

Von Anfang an stellte sich die spannende Frage, inwieweit – namentlich bei Dvořáks nordamerikanisch-europäischem Werk – die vier US-Amerikaner einen ‚American Way of String Quartet‘ erkennen lassen würden. Was zunächst rein äußerlich auffiel, war die unprätentiös-legere, bei höchster Konzentration doch nonchalante Art ihres Auftretens und auch ihrer Konzertkleidung. Das ‚amerikanischste‘ ihrer Darbietung lag vielleicht darin, dass jede Kantilene bis zur letzten Süße ausgesungen, mit recht viel (gleichwohl geschmackvollem) Vibrato angereichert und jedes dramatische Potenzial voll ausgereizt wurde. Das erbringt, zusammen mit der gegebenen Präzision und lupenreinen Homogenität eine starke Wirkungssicherheit und Plastizität, die sich bisweilen an der Grenze zur Plakativität bewegen mag, in jedem Fall aber emotional mitnimmt bis mitreißt.

Die Zugabe, der zweite Satz aus Mozarts Streichquartett in Es-Dur, KV 428, wurde von Camden Shaw auf Deutsch angesagt. Es ist ein Stück voller Würze, Mozartscher Modernität und zukunftweisender Expressivität. Robert Schumann ließ sein Alter Ego Florestan einmal flüstern, Chopin spiele seine Etüden „sehr à la Chopin“. Im Fall der strukturell und klanglich fesselnden Zugabe würde, daran angelehnt, der Rezensent vermerken, „etwas zu sehr à la Dvořák“ habe das Dover Quartet diesen Mozart interpretiert. Darüber ließe freilich diskutieren. Doch zuvor sei klargestellt, dass alle, die den Weg zu diesem Musik-Art-Konzertabend nicht gefunden hatten, mit Sicherheit etwas verpasst haben. Das anwesende Publikum (es blieben in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule noch einige Sitzplätze frei), teilte durchweg diese Einschätzung.

Walter Windisch-Laube