
Das Vokalquartett Colcanto zusammen mit den Pianisten Thorsten Larbig und Hilko Dumno – Foto: Walter Windisch-Laube
Ohrwürmer im Walzertakt
Colcanto und Pianisten brillieren bei Musik Art mit 'Liebesliedern' und 'Liebesbriefen'
19.1.2026
Oberhessische Zeitung
Ein Bühnen-Aufbau samt ‚Choreographie‘, wie er in klassischen Konzerten nicht alltäglich ist: vier stehen (oder sitzen alle gemeinsam bisweilen), einer sitzt und steht abwechselnd und einer behält durchgängig Platz, anders gesagt: vier Gesangssolisten und zwei Klavierbegleiter, von denen einer zwischendurch mehrfach als Rezitator an ein Lesepult tritt; so am Samstag beim zweiten, durchaus besonderen Saisonkonzert von Alsfeld Musik Art zu erleben: das Frankfurter Vokalquartett Colcanto zusammen mit dem Pianisten-Duo Hilko Dumno und Thorsten Larbig bei ihrer Präsentation der ‚Liebeslieder-Walzer‘ von Johannes Brahms, zweier Sammlungen von mehrstimmigen Gedichtvertonungen, 33 insgesamt, ausschließlich im Dreiertakt.
Im Abstand einiger Jahre entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, unterm Eindruck und Einfluss der Wiener Walzer-Seligkeit die beiden Brahmsschen Liederreihen Opus 52 und Opus 65. Wer sie komplett, in der korrekten Anordnung und Abfolge auf die Bühne bringen will, steht vor einem kleinen Dilemma: die spätere Sammlung besteht aus zwar kürzeren, häufiger solistischen und auch teils tiefschürfenderen, doch weit weniger eingängigen Nummern; für die Wirkung des Ganzen ein mögliches Manko. Colcanto und Thorsten Larbig haben dies geschickt dadurch aufgewogen, dass sie op. 65 insgesamt sieben durchweg spritzige und sprachlich virtuose Briefstellen und Gedichte aus dem 19. und 20. Jahrhundert gegenüberstellten.
Gabriele Hierdeis (Sopran), Birgit Schmickler (Alt), Christian Rathgeber (Tenor) und Christoph Kögel (Bass), die meisterlichen Sängerinnen und Sänger jener für Brahms ungewohnt leichtfüßigen Stücke, waren in Alsfeld zuletzt als Gesangssolisten im Mai 2025 zu Gast: bei der Aufführung des „Messias“ von Georg Friedrich Händel. Nun konnte das Publikum sie als „Colcanto“ von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Die Liebeslieder-Walzer sind ja bei aller Leichtigkeit in der Anmutung keinesfalls leicht zu singen und zu spielen. Präzise intonierend und mit bestmöglicher Genauigkeit wie Ausdrucksstärke im gemeinsamen Musizieren, vermochten die Ausführenden ihre sichtbare Freude, auch am sprachlichen und kompositorischen Augenzwinkern, schon mit den ersten Worten und Klängen aufs Auditorium überspringen zu lassen, das bis zum letzten Ton konzentriert, begeistert und beschwingt lauschte.
Opus 52, die erste der Liedwalzer-Sammlungen, enthält einige Evergreens, die zu ‚Ohrwürmern‘ taugen: „Wie des Abends schöne Röte“, „Am Donaustrande da steht ein Haus“, „Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten“ und vor allem „Ein kleiner hübscher Vogel“, welch Letzteres den entzückten Zuhörerinnen und Zuhörern auch als Zugabe beschert wurde.
Bis auf ein Gedicht von Goethe, das op. 65 als gesungener Epilog angefügt ist, stammen alle den ‚Liebeslieder-Walzern‘ zugrundeliegenden Texte von Georg Friedrich Daumer, einem im 19. Jahrhundert beliebten und namentlich von Brahms gern vertonten Autor eher heiteren Zungenschlags.
Dass sich bei der geballten Ladung von Walzern keine Langeweile einstellte, verdankt sich zum einen der ebenso subtilen wie nuancenreichen und mit tiefgründigem Humor angereicherten Kunst des Johannes Brahms – wenn er beispielsweise in „O die Frauen, wie sie Wonne tauen“ Tenor und Bass fast gebetsmühlenartig beteuern lässt: „Wäre längst ein Mönch geworden, wären nicht die Frauen“, und dabei eine völlig andere Art Walzer zum Klingen kommt als in den umliegenden Nummern. Für jedes Gedicht findet Brahms einen angemessenen eigenen Ton, jede Textwendung erhält ein passendes musikalisches Gegenüber. Zum anderen aber war es in Alsfeld besonders die Brillanz und die Dramaturgie der Darbietung, die für hinreichend Abwechslung auch dort sorgte, wo die Highlights eher im Verborgenen leuchten. So begann das zweite, rein von den Kompositionen her vordergründig etwas weniger mitreißende Set op. 65 mit vier Liebesbriefen prominenter Kunstschaffender, die Thorsten Larbig zu einem farbenreichen sprachlichen Konzert formte und sich dabei als fulminanter Rezitationskünstler zeigte. Dem windungsreich-umständlichen (und erfolglosen) ‚Bewerbungsschreiben‘ des jungen Schweizer Malers und Dichters Gottfried Keller an die erste Angebetete ließ er einen innigen Brief der Malerin Paula Becker an ihren späteren Mann Otto Modersohn folgen, sodann einen nahezu inquisitorischen des irischen Dichters James Joyce an seine Liebschaft und nachmalige Frau, um mit der verbalen Hingabe der Schauspielerin Eleonora Duse an ihren Geliebten Arrigo Boito sprachmagisch zu schließen. Nach den ersten sieben der ‚Neuen Liebeslieder-Walzer‘ op. 65 gab es dann als Intermezzo noch drei Liebesgedichte zu hören, allem Beziehungs-Unglück zum Trotz höchst vergnüglich vorgetragen und ebenso verfasst: von Erich Kästner, Robert Gernhardt und, wie zu erwarten urkomisch, von Karl Valentin.
Im ‚hitreichen‘ ersten Teil des Konzerts mit den Ur-Liebeslieder-Walzern op. 52 bildeten die eingefügten Briefe von Robert Schumann, Clara Wieck (später verheiratete Schumann) und Johannes Brahms eine Art Meta-Ebene zu den Kompositionen, die auch im Beziehungs- und Freundschaftsdreieck Robert – Clara – Johannes einen ihrer Nährböden haben. Und am Flügel in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule konnte, wer wollte, Robert oder Clara Schumann und Johannes Brahms beim Vierhändigspiel imaginieren, in diesem Fall verkörpert durch die Frankfurter Pianisten und Hochschullehrer Thorsten Larbig und Hilko Dumno, die als ‚Klavierbegleiter‘ beim Auftritt naturgemäß immer etwas im Schatten sitzen, ihrem hochkarätigen Einsatz zum Trotz, und die gerade deshalb hier zum Schluss besondere Erwähnung verdienen.
Walter Windisch-Laube
