Foto: Walter Windisch-Laube
„Karneval der Tiere“ zum Abschluss
Zehn Musiker der Alsfelder Musikschule gestalten beim „Tag für die Musik“ das Saisonfinale
22.5.2026
Oberhessische Zeitung
Unter dem Motto „Karneval der Tiere“ waren die Alsfelder Musikschule und Alsfeld Musik Art am Wochenende beim hessenweiten „Tag für die Musik“ vertreten und wurden auch entsprechend übers Radio beworben. In der voll besetzten Aula der Albert-Schweitzer-Schule konnten Lehrkräfte der Alsfelder Musikschule einmal mehr eindrucksvoll unter Beweis stellen, dass sie nicht nur Fachleute für musikalisch-kulturelle Bildung sind, sondern auch als Bühnenkünstler von Rang restlos zu überzeugen vermögen.
Mit diesem Konzert ist Alsfeld, initiiert durch die örtliche Musikschule, nun bereits zum dritten Mal nach 2021 und 2024 Schau- und Spielplatz beim ‚Tag für die Musik‘ gewesen, den der Hessische Rundfunk in Kooperation mit dem Wissenschaftsministerium und dem Landesmusikrat alle zwei Jahre organisatorisch begleitet.
Seitdem die Alsfelder Stadthalle 2008 durch Privatisierung dem öffentlichen Kulturleben weitgehend entzogen wurde und damit der Konzertreihe Alsfeld Musik Art und dem Hessischen Rundfunk als Konzertsaal für größere Ensembles nicht mehr zur Verfügung steht, waren bei keinem Musik-Art-Konzert so viele Ausführende und eine so große Zahl an Instrumenten auf der Bühne zu erleben: 10 Musiker und Musikerinnen mit 13 Instrumenten.
Im ersten Konzertteil traten bereits fünf der nachmaligen Orchester-Solisten vors Publikum: PohSuan Teo, die Leiterin der Alsfelder Musikschule, auf der Violine und Christian Niedling, Violoncello, machten den Anfang mit einem zündenden Variationenwerk des Mozart-Zeitgenossen Jean-Baptiste Bréval. Das Solo-Violinstück „Sakura“ von Maria Kaneko Millar aus jüngster Zeit lässt in mancherlei ungewöhnlichen Spiel- und Klangtechniken zwei traditionelle japanische Saiteninstrumente bemerkenswert mit anklingen: die Griffbrettzither Koto und die Langhalslaute Shamisen. Schlagzeugerin Elke Saller demonstrierte darauffolgend souverän und klangschön ihr Hauptinstrument, das Marimba, mit vier Schlägeln gespielt: in einer berückenden Eigenkomposition und mit zwei wasserbezogenen Stücken von Mitchell Peters; das zweite, weithin bekannte „Sea Refractions“, wurde hier von P. Teo mit dem Meeresrauschen einer Ocean Drum untermalt. Zum Abschluss des ersten, klein besetzten Konzertteils nahmen Roland von Tenspolde (Querflöte) und Alexander Urvalov am Flügel die Lauschenden mit in französische Klangwelten voller Esprit und melodischem Charme: in Form zweier beliebter Piècen von Gabriel Fauré und Maurice Ravel.
Hauptwerk des Spätnachmittags war die ‚große zoologische Fantasie‘ „Le Carnaval des Animaux“ von Camille Saint-Saëns aus dem Jahr 1886, poetisch und humorvoll moderiert von PohSuan Teo, die zudem den Viola-Part übernahm. Außer der Publikums- und Ankündigungs-Wirksamkeit war die Wahl dieses Kammerkonzert-‚Klassikers‘ auch insofern ein geglückter Kunstgriff der Musikschulleiterin, als darin fast alle Mitwirkenden auch solistisch hervortreten und sich als herausragende Instrumental-Künstler zeigen können: gleich zu Beginn, wie dann besonders auch in den Nummern 3, 7 und 11, waren es die beiden Klaviere, meisterlich ‚traktiert‘ von Alexander und Viktor Urvalov, die (auch räumlich gesehen) sozusagen aus dem Hintergrund brillierten; im Elefanten-Elfentanz (No.5) gleichermaßen brummelnd und leichtfüßig Michael Jakobs Kontrabass. Besonders viel Heiterkeit lösten die „Persönlichkeiten mit langen Ohren“ (No.8) aus – worunter neben Eseln auch Musikkritiker zu verstehen sein können –: mit den „I-a“s der beiden Violinen (Igor Rogoshnikow und Natalia Viskova), ebenso wie danach der Kuckuck, der, von der Klarinette (mit Solo außerdem in No.12) bzw. Ulrike Schimpf verkörpert, sich im Nebenraum ‚versteckt‘ hatte und von dort mit seinem zwei ebenso schlichten wie differenziert vorgetragenen Tönen zu hören war.
Die Anzahl der dargestellten Tiere übersteigt die der Ausführenden beträchtlich, denn sie treten meistenteils zu mehrt auf: Hühner und Hähne, Maul- und andere Esel, Schildkröten, Kängurus, Fische, Vögel …! No.7, „Das Aquarium“ ist im Original mit „Harmonika“ besetzt, womit wohl die (einst mit Kultcharakter bestückte) heute ungebräuchliche Glasharmonika gemeint war, die zumeist durch ein Glockenspiel (hier: Elke Saller hoch konzentriert) ersetzt wird oder sogar durch die ‚Ziehharmonika‘, das Akkordeon. In der „Volière“ ließ Roland von Tenspolde nochmals seinen beweglich-schönen Querflötenton vernehmen. Durch den mit Zitaten gespickten „Fossilien“-Satz führt laut Besetzungsliste das skelettknochenhaft klingende Xylophon. Elke Saller hatte sich entschieden, stattdessen ihr Marimbaphon ausnahmsweise mit Holz-Klöppeln zu spielen. Den im Anschluss dahingleitenden „Schwan“, der eigentlich und ursprünglich kein ‚sterbender‘ mit ‚Schwanengesang‘ ist, hat man selten so geschmack- und würdevoll gehört wie hier in der – von den Pianisten vollendet assistierten – Interpretation durch Christian Niedling, der einerseits Musikschul-Lehrkraft, andererseits in namhaften Ensembles für alte, vorromantische Musik engagiert ist. Das „Finale“ aller gemeinsam verdeutlichte in dieser Aufführung nicht zuletzt Saint-Saëns‘ Balanceakt mit diesem ‚Karneval‘ zwischen „E“ und „U“, ernst sowie ernsthaft und mitreißend unterhaltsam: indem sich das Schluss-Stück mit Jacques Offenbach’scher Schärfe und Verve, zugleich aber als hochartifiziell komponiertes Resümee des Werkganzen präsentierte. Hier kam das Solistische noch einmal prägnant zur Geltung; gleichzeitig freilich, was am meisten zählte: die Ensembleleistung – Musik als eine ins Schöne, Kunstvolle gehobene Art von Kommunikation und Interaktion.
Wie gewohnt gab es ein instruktives Programmheft als roten Faden mit Hintergrundinformationen und einigen Seitenblicken. Ergänzend wäre diesmal vielleicht eine durchgehende Erzählung bzw. Erzähl-Handlung in mündlicher Form zu jenem ‚Zoobesuch‘, vor allem für die (allerdings leider nicht gar so zahlreich erschienenen) Kinder und jungen Leute noch fesselnder gewesen.
Als Zugabe wurde nochmals Numero 7 ‚aufgelegt‘, und so ‚schwammen‘ die beglückten Zuschauer und Zuhörerinnen gleichsam aus dem Tier-Karneval ironiegestärkt hinaus in den alltäglichen Mummenschanz oder Narrentanz der Menschen-Tiere.
Alsfeld Musik Art wird bereits im September fortgesetzt mit einem Beitrag von Alsfelder Konzertchor und Alsfelder Kammerorchester zum Jubiläum der Kulturgemeinde, danach mit bedeutenden kammermusikalischen Formationen, auch aus dem Bläser- und Jazz-Bereich.
Walter Windisch-Laube

Foto: Walter Windisch-Laube
Kammerkonzert auf hohem Niveau
Gitarre in anderem Licht: Friedemann Wuttke bei Alsfeld Musik Art
30.4.2026
Oberhessische Zeitung
Eine größere klangliche Intimität kann es bei einem Konzert kaum geben als mit einer einzigen akustischen, unverstärkten Gitarre. Nach sehr langer Zeit gab es das in Alsfeld nun einmal wieder zu erleben. Der Stuttgarter Gitarrist Friedemann Wuttke war zu Gast bei Alsfeld Musik Art in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule: mit Programmschwerpunkten aus der Zeit um 1800 und derjenigen um 1900. Den Ansatz des Künstlers könnte man als Wunsch zur „Versöhnung“ zweier quasi Parallelwelten im Konzertbetrieb umschreiben: der Klavier- und Kammermusik in traditioneller Besetzung einerseits und den Foren klassischer Gitarrenmusik auf der Seite gegenüber; anders gesagt: Wuttke erschließt Klavierwerke etwa des musikalischen Impressionismus, aber auch von Mozart und anderen für sein Instrument und kombiniert sie mit Originalkompositionen für Gitarre.
Der erste Programmteil wurde eingefasst von Werken des spanischen Beethoven-Zeitgenossen Fernando Sor, eines zu seiner Zeit ebenso bekannten Gitarristen wie äußert fruchtbaren Komponisten für sein Instrument. Man bezeichnete ihn auch als „Schubert der Gitarre“, freilich war er weniger romantisch orientiert als vielmehr an Mozart. Dies verdeutlichte Wuttkes Stück-Auswahl: Er begann, dem Hineinfinden in Raum und Aufführungssituation dienlich, mit vier von Sors Menuetten, klassisch-graziösen, eher konservativen und auch gitarristisch nicht sonderlich spektakulären Werken. Ihnen folgte ein Sprung weit ins 20. Jahrhundert hinein mit den 1940 entstandenen fünf Préludes aus der Feder des Brasilianers Heitor Villa-Lobos, seinem letzten Werk für Gitarre. Dessen Inspirationen und Ausdruckssphären reichen von brasilianischer Straßenmusik bis zu Bach, und Villa-Lobos erstrebte in den stilistisch weit gespannten Stücken eine Balance zwischen folkloristischen Quellen und gitarristisch-kompositorischen Experimenten. All dies brachte Friedemann Wuttke anschaulich und expressiv zur Geltung. Mit Abstand das bekannteste und beliebteste dieser fünf Charakterstücke ist das erste. Dem fünften folgte im Programmverlauf ein noch bekannteres Thema, nämlich das von Mozarts A-Dur-Klaviersonate (jener mit dem Alla-turca-Schluss-Satz). Es war hier als ‚Hors d’œuvre‘ zu den darauf folgenden Sor’schen Mozart-Variationen gedacht, dennoch hätte manch einer sich gewünscht, dazuhin die eine oder andere von Mozarts eigenen Variationen seines Sonatenthemas in Bearbeitung für Gitarre zu hören.
Die Variationen von Fernando Sor über „Das klinget so herrlich“ aus Mozarts ‚Zauberflöte‘ bestehen aus Introduktion, Thema, fünf Variationen und Coda bzw. Finale. Sors Variationen sind auch als Statement für die Macht der Musik zu verstehen: Monostatos und die Sklaven werden in der Opern-Vorlage von den Glockenspiel-Klängen so beeindruckt und beeinflusst, dass sie zu tanzen beginnen und von ihrem übergriffigen Vorhaben Abstand nehmen. In der dritten Variation nahm Wuttke den Klang seines Instruments bis fast zur Unhörbarkeit zurück – ein intensiv berückender Moment. An einigen anderen Stellen hätte er Möglichkeiten zur klangfarblichen oder dynamischen Kontrastierung vielleicht noch stärker ausreizen können.
Dass die Saiten-Stimmung von Wuttkes Instrument vor der Pause bisweilen leicht getrübt erschien, fiel nicht weiter ins Gewicht und wurde allemal durch die sympathische und informative Moderation seitens des Künstlers wettgemacht. Friedemann Wuttke spielte sein gesamtes Programm auswendig, und viele der Arrangements von Klavierwerken für Gitarre, die er vortrug, stammen von ihm selbst. Als Gitarrist ist er mit vielfältigen Programmen und Besetzungen unterwegs, namentlich auch in Annäherung an die argentinische Tango-Nuevo-Kultur.
Nach der Pause hatte Wuttke mehrheitlich Bearbeitungen von Klavierkompositionen im Programm. Immer wieder gelang ihm dabei der Eindruck, die Stücke seien ursprünglich für die Gitarre geschriebene. Bei den viel bearbeiteten, bis hin zu Film- und Werbezwecken adaptierten und teils sehr bekannten „Gnossiennes“ und „Gymnopedies“ von Eric Satie schien allerdings durch den höheren Schwierigkeitsgrad auf dem Zupfinstrument bisweilen etwas von der meditativen Gelassenheit der im Klaviersatz wegweisend antiromantischen und geradezu minimalistischen Werken auf der Strecke zu bleiben.
Überaus faszinierend boten die darauf folgenden Originalkompositionen von Francis Poulenc und Manuel de Falla Einblicke in die Musiksprache des Neoklassizismus mit impressionistischen Anklängen und romantischen Reminiszenzen. Poulenc schrieb seine Sarabande erst 1960 für eine seinerzeit berühmte Gitarristin, Ida Presti, und de Fallas Hommage an Claude Debussy entstand 1920, in den Anfangsjahren der musikalischen Rückbesinnung auf vorromantische Stile, nicht lange nach Debussys Tod mit 55 Jahren.
Den Abschluss des regulären Programms bildeten drei beliebte Klavierkompositionen aus der Jahrhundertwende-Zeit zum 20., eine von Maurice Ravel, zwei von Debussy, dessen zweiter Titel „Clair de lune“ auch dem gesamten Konzert als Motto gedient hat. Während dieses zauberhaften, dem Mondschein huldigenden Stückes wurden Gitarrist und Podium durch die Aula-Fenster von der Sonne beschienen.
Als Zugabe nach lang anhaltendem Applaus präsentierte Friedemann Wuttke noch eine jener eingängigen Klavier-Piècen, die eher in der Gitarrenfassung verbreitet und populär sind als in der originalen Tasten-Version: die Nummer 5 aus „Danzas españolas“ des spanischen Debussy-Zeitgenossen Enrique Granados. Damit ging ein sonntäglich-musikalischer Spätnachmittag zu Ende, der eine Fülle von Eindrücken geboten hatte und etlichen der recht zahlreich erschienenen Besucherinnen und Besucher das Gesicht der Gitarre in ganz neuem Licht erscheinen ließ.
Walter Windisch-Laube

Mit virtuoser Finesse – Foto u. Text: Walter Windisch-Laube
Brillantes Kammerkonzert
Frankfurt Jazz Trio bei Alsfeld Musik Art
27.3.2026
Oberhessische Zeitung
Jazz aus Frankfurt, das ist nicht nur Barrelhouse, Hessischer Rundfunk mit Bigband und Jazzensemble, Mangelsdorff-Erbe oder auch Michael Wollny und Heinz Sauer, vielmehr in den mannigfaltigen Räumen dazwischen auch das rege und rührige Wirken eines Thomas Cremer, das in Gestalt seines Frankfurt Jazz Trio nach 16 Jahren erneut den Weg zum Alsfelder Publikum fand.
Das Konzert der drei Musiker in der renommierten Reihe Alsfeld Musik Art war ein Crossover-Abend im allerbesten Sinne, eine Wanderung durch bald alle Stile des Jazz und über ihn hinaus seit der Swing-Ära. Was das bereits 1998 gegründete Trio der beglückten und begeisterten Zuhörerschaft zu bieten hatte: kammermusikalischen Jazz in kaum überbietbarer Transparenz und Finesse, der sich herkömmlichen Kategorien immer wieder entzieht, und vor allem: zwar hochgradig unterhaltend, doch keine U-Musik ist. Etwas wie „Modern Jazz“ bleibt als ‚Home base‘ zumeist präsent, doch werden Ausflüge in Neoklassik, Country Music, Chanson, traditionellen Jazz oder klassische Moderne keineswegs gescheut. Der geradezu berückende Sound dieser Dreier-Formation und die ebenso charmante wie warmherzige Moderation durch Schlagzeuger Thomas Cremer und insbesondere den Pianisten Olaf Polziehn machten den Abend zu einem originären Erlebnis ganz ohne Digitalität, gleichermaßen eindrücklich wie für nahezu alle Anwesenden wohl unvergesslich.
Der gebürtige Ludwigsburger Schwabe Olaf Polziehn verbindet höchste, perlende Virtuosität und pianistische Flexibilität über alle (vermeintlichen) Stilgrenzen hinweg mit bestechender Weichheit des Anschlags und Kraft bei Bedarf. Band-Gründer und -Leader Thomas Cremer ist das, was man eine Jazz-Legende nennen kann; einer der Pioniere des ECM-Labels und Träger des Hessischen Jazzpreises 2012. Mit unzähligen Jazz-Größen, auch, aber beileibe nicht nur in der Frankfurter Szene hat er gespielt und trat zudem als Gründer und Organisator der Frankfurt Jazz Big Band hervor; einer, der, so kurios das Bild für einen Drummer wirken mag, ‚mit allen Wassern gewaschen‘ ist. Er vertritt und lebt mit äußerster Delikatesse und Feinfühligkeit ein sehr farbenreiches Schlagzeugspiel, das freilich, wo nötig und geboten, auch ‚Zähne zu zeigen‘ vermag; ein Team-Player, der seine Soli dialogisch einstreut und weniger als Breaks denn als organisch sich einfügende Glieder der Kompositionen und Improvisationen anlegt. Stets stellt er die Spielweisen und -techniken in den Dienst der Stilistik und des Ganzen. Und: Was ein Musikjournalist schon vor mehr als 35 Jahren über Cremer schrieb, gilt für ihn, mittlerweile hoch in den Siebzigern, bis heute: er hat sich seinen „unverderblichen Buben-Charme“ bewahrt. Martin Gjakonovski schließlich, aus Moldavien gebürtig und weltweit zu Hause, einer der profiliertesten Jazz-Bassisten Europas, auf Hunderten von Alben zu hören und in fast ebenso vielen Formationen unterwegs, überzeugt immer wieder aufs Neue damit, wie er Solo-Passagen bruch- und scheinbar mühelos in den Begleitmodus überführt und integriert, in beiden so sprechend wie differenziert intonierend und melodisch oder gestisch sogleich mitvollziehbar.
Das Programm konnte von seinen Titeln her und auch musikalisch als eine Art ‚Roman in Romanzen‘ gelesen und gehört werden, eine fortlaufende Erzählung von den existentiellen Dingen unserer Welt, und gab dazuhin einen Abriss der Jazz-Geschichte. Als Eröffnungsstück hatten die Musiker eine nach dem Opernkomponisten „Puccini“ betitelte Adaption bzw. harmonische Paraphrase gewählt, die sie nahtlos übergehen ließen in „When spring comes“; Letzteres einerseits jahreszeitlich passend, andererseits die frische Version eines Stückes, das schon vor eineinhalb Jahrzehnten an gleicher Stelle, in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule, erklang. Ihm folgte „A beautiful friendship“, ein Titel, der für das Trio durchaus programmatisch zu verstehen ist. Seine Mitglieder kennen einander seit Jahrzehnten und haben spielerisch freie und zugleich genau abgestimmte Formen der Kommunikation und musikalischen Konversation bestens kultiviert. Olaf Polziehn präludierte das durch Ella Fitzgerald und Nat King Cole einst bekanntgewordene Jazz-Repertoire-Lied auf die Freundschaft in ähnlicher Weise, wie sie ein Markenzeichen des ‚Jazz-Kobolds‘ Erroll Garner war: mit einer den Song zunächst verschleiernden, im ungewissen lassenden Introduktion. Ein weiterer Jazz-Standard knüpfte in Polziehns Arrangement an den früheren Alsfelder Auftritt an, auf einen Song ursprünglich aus der Feder von George Gershwin: „Nice work if you can get it“.
Das Motto des Konzertes, „Our favorite things“, spiegelt den Ansatz des Frankfurt Jazz Trios, seiner Programm- und Moderationsgestaltung: für Connaisseure gleichermaßen etwas zu bieten, ein Füllhorn zu öffnen wie für unverbildet Genießende. Ja, die Musiker spielten mit sicht- und hörbarer Freude lauter ‚Lieblingsstücke‘, im genannten Titel-Motto zugleich aber an auf „My favorite things“, einen Jazz-Walzer von 1959 und John Coltranes Signature-Song, der an diesem Abend allerdings nicht zum Zuge kam. Zu den weiteren ‚Lieblingsstücken‘ im Programmverlauf zählten unter anderen „Rockin‘ Chair“ (1929, von Louis Armstrong mehrfach eingespielt), „Solitary Moon“ (Barbra Streisand), „The Jitterbug Waltz“ (soviel wie ‚Nervenbündel‘-Walzer, eine sehr alte Fats-Waller-Nummer) und „Never Let Me Go“ (Nat King Cole).
Mit zwei Botschaften schloss das Konzert: in Gestalt zunächst einer Polziehnschen Eigenkomposition unterm Titel „Hope“, womit er das Prinzip Hoffnung und die Musik betont gegen alles Kriegführen stellt, und danach, als Zugabe, eines der Liebe nachfragenden Chansons von Charles Trenet, „Que reste-t-il de nos amours“ (1942, ‚Was bleibt von unseren Liebschaften‘), das als „I wish you love“ ab 1956 zum Jazz-Standard wurde (dem 20er-Jahre-Schlager „Tea for two“ ein wenig ähnelnd).
Ein vielfältig erfüllender, feiner Konzertabend ging mit jenem Liebes-Wunsch zu Ende, dem noch mehr Zuhörerinnen und Zuhörer zu wünschen gewesen wären. Der Jazzer-‚Segen‘ „Keep swinging“ mag in diesem Fall und dem der Weltlage eine Abwandlung erfahren: „Keep hoping“.
Walter Windisch-Laube

Das Vokalquartett Colcanto zusammen mit den Pianisten Thorsten Larbig und Hilko Dumno – Foto: Walter Windisch-Laube
Ohrwürmer im Walzertakt
Colcanto und Pianisten brillieren bei Musik Art mit 'Liebesliedern' und 'Liebesbriefen'
19.1.2026
Oberhessische Zeitung
Ein Bühnen-Aufbau samt ‚Choreographie‘, wie er in klassischen Konzerten nicht alltäglich ist: vier stehen (oder sitzen alle gemeinsam bisweilen), einer sitzt und steht abwechselnd und einer behält durchgängig Platz, anders gesagt: vier Gesangssolisten und zwei Klavierbegleiter, von denen einer zwischendurch mehrfach als Rezitator an ein Lesepult tritt; so am Samstag beim zweiten, durchaus besonderen Saisonkonzert von Alsfeld Musik Art zu erleben: das Frankfurter Vokalquartett Colcanto zusammen mit dem Pianisten-Duo Hilko Dumno und Thorsten Larbig bei ihrer Präsentation der ‚Liebeslieder-Walzer‘ von Johannes Brahms, zweier Sammlungen von mehrstimmigen Gedichtvertonungen, 33 insgesamt, ausschließlich im Dreiertakt.
Im Abstand einiger Jahre entstanden im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, unterm Eindruck und Einfluss der Wiener Walzer-Seligkeit die beiden Brahmsschen Liederreihen Opus 52 und Opus 65. Wer sie komplett, in der korrekten Anordnung und Abfolge auf die Bühne bringen will, steht vor einem kleinen Dilemma: die spätere Sammlung besteht aus zwar kürzeren, häufiger solistischen und auch teils tiefschürfenderen, doch weit weniger eingängigen Nummern; für die Wirkung des Ganzen ein mögliches Manko. Colcanto und Thorsten Larbig haben dies geschickt dadurch aufgewogen, dass sie op. 65 insgesamt sieben durchweg spritzige und sprachlich virtuose Briefstellen und Gedichte aus dem 19. und 20. Jahrhundert gegenüberstellten.
Gabriele Hierdeis (Sopran), Birgit Schmickler (Alt), Christian Rathgeber (Tenor) und Christoph Kögel (Bass), die meisterlichen Sängerinnen und Sänger jener für Brahms ungewohnt leichtfüßigen Stücke, waren in Alsfeld zuletzt als Gesangssolisten im Mai 2025 zu Gast: bei der Aufführung des „Messias“ von Georg Friedrich Händel. Nun konnte das Publikum sie als „Colcanto“ von einer ganz anderen Seite kennenlernen. Die Liebeslieder-Walzer sind ja bei aller Leichtigkeit in der Anmutung keinesfalls leicht zu singen und zu spielen. Präzise intonierend und mit bestmöglicher Genauigkeit wie Ausdrucksstärke im gemeinsamen Musizieren, vermochten die Ausführenden ihre sichtbare Freude, auch am sprachlichen und kompositorischen Augenzwinkern, schon mit den ersten Worten und Klängen aufs Auditorium überspringen zu lassen, das bis zum letzten Ton konzentriert, begeistert und beschwingt lauschte.
Opus 52, die erste der Liedwalzer-Sammlungen, enthält einige Evergreens, die zu ‚Ohrwürmern‘ taugen: „Wie des Abends schöne Röte“, „Am Donaustrande da steht ein Haus“, „Nein, es ist nicht auszukommen mit den Leuten“ und vor allem „Ein kleiner hübscher Vogel“, welch Letzteres den entzückten Zuhörerinnen und Zuhörern auch als Zugabe beschert wurde.
Bis auf ein Gedicht von Goethe, das op. 65 als gesungener Epilog angefügt ist, stammen alle den ‚Liebeslieder-Walzern‘ zugrundeliegenden Texte von Georg Friedrich Daumer, einem im 19. Jahrhundert beliebten und namentlich von Brahms gern vertonten Autor eher heiteren Zungenschlags.
Dass sich bei der geballten Ladung von Walzern keine Langeweile einstellte, verdankt sich zum einen der ebenso subtilen wie nuancenreichen und mit tiefgründigem Humor angereicherten Kunst des Johannes Brahms – wenn er beispielsweise in „O die Frauen, wie sie Wonne tauen“ Tenor und Bass fast gebetsmühlenartig beteuern lässt: „Wäre längst ein Mönch geworden, wären nicht die Frauen“, und dabei eine völlig andere Art Walzer zum Klingen kommt als in den umliegenden Nummern. Für jedes Gedicht findet Brahms einen angemessenen eigenen Ton, jede Textwendung erhält ein passendes musikalisches Gegenüber. Zum anderen aber war es in Alsfeld besonders die Brillanz und die Dramaturgie der Darbietung, die für hinreichend Abwechslung auch dort sorgte, wo die Highlights eher im Verborgenen leuchten. So begann das zweite, rein von den Kompositionen her vordergründig etwas weniger mitreißende Set op. 65 mit vier Liebesbriefen prominenter Kunstschaffender, die Thorsten Larbig zu einem farbenreichen sprachlichen Konzert formte und sich dabei als fulminanter Rezitationskünstler zeigte. Dem windungsreich-umständlichen (und erfolglosen) ‚Bewerbungsschreiben‘ des jungen Schweizer Malers und Dichters Gottfried Keller an die erste Angebetete ließ er einen innigen Brief der Malerin Paula Becker an ihren späteren Mann Otto Modersohn folgen, sodann einen nahezu inquisitorischen des irischen Dichters James Joyce an seine Liebschaft und nachmalige Frau, um mit der verbalen Hingabe der Schauspielerin Eleonora Duse an ihren Geliebten Arrigo Boito sprachmagisch zu schließen. Nach den ersten sieben der ‚Neuen Liebeslieder-Walzer‘ op. 65 gab es dann als Intermezzo noch drei Liebesgedichte zu hören, allem Beziehungs-Unglück zum Trotz höchst vergnüglich vorgetragen und ebenso verfasst: von Erich Kästner, Robert Gernhardt und, wie zu erwarten urkomisch, von Karl Valentin.
Im ‚hitreichen‘ ersten Teil des Konzerts mit den Ur-Liebeslieder-Walzern op. 52 bildeten die eingefügten Briefe von Robert Schumann, Clara Wieck (später verheiratete Schumann) und Johannes Brahms eine Art Meta-Ebene zu den Kompositionen, die auch im Beziehungs- und Freundschaftsdreieck Robert – Clara – Johannes einen ihrer Nährböden haben. Und am Flügel in der Aula der Albert-Schweitzer-Schule konnte, wer wollte, Robert oder Clara Schumann und Johannes Brahms beim Vierhändigspiel imaginieren, in diesem Fall verkörpert durch die Frankfurter Pianisten und Hochschullehrer Thorsten Larbig und Hilko Dumno, die als ‚Klavierbegleiter‘ beim Auftritt naturgemäß immer etwas im Schatten sitzen, ihrem hochkarätigen Einsatz zum Trotz, und die gerade deshalb hier zum Schluss besondere Erwähnung verdienen.
Walter Windisch-Laube

