
Colcanto Frankfurt
Samstag, 17. Januuar 2026
20 Uhr
Aula der
Albert-Schweitzer-Schule,
Schillerstraße 1, 36304 Alsfeld
DIE KÜNSTLER
Gabriele Hierdeis, Sopran
Birgit Schmickler, Alt
Christian Rathgeber, Tenor
Christoph Kögel, Bass
Hilko Dumno & Thorsten Larbig, Klavier
PROGRAMM

J. Brahms: Liebesliederwalzer op.52
- Rede, Mädchen, allzu liebes
- Am Gesteine rauscht die Flut
- O, die Frauen
- Wie des Abends schöne Röte
- Die grüne Hopfenranke
- Ein kleiner hübscher Vogel
- Wohl schön bewandt war esv - Wenn so lind dein Auge mir
- Am Donaustrande
——————————————————
- Robert Schumann an Clara Wieck
- Clara Wieck an Robert Schumann
- Robert Schumann an Clara Wieck
- Johannes Brahms an Clara Schumann, geb. Wieck
——————————————————
J. Brahms: Liebesliederwalzer op.52
- Oh wie sanft die Quelle
- Nein, es ist nicht auszukommen
- Schlosser auf, und mache Schlösser
- Vögelein durchrauscht die Luft
- Sieh, wie die Welle klar
- Nachtigall, sie singt so schön
- Ein dunkler Schacht ist Liebe
- Nicht wandle, mein Licht
- Es bebet das Gesträuche
——————————————————
- Gottfried Keller an Luise Rieter
- Paula Becker an Otto Moderssohn
- James Joyce an Nora Barnacle
- Eleonora Duse an Arrigo Boito
——————————————————
J. Brahms: Neue Liebesliederwalzer op.65
- Verzicht, o Herz, auf Rettung
- Finstere Schatten der Nacht
- An jeder Hand die Finger
- Ihr schwarzen Augen
- Wahre, wahre deinen Sohn
- Rosen steckt mir an die Mutter
- Vom Gebirge Well auf Well
——————————————————
- Erich Kästner: der Abschiedsbrief
- Robert Gernhardt „An Herrn von Norden“
- Kurt Valentin Der Liebesbrief
——————————————————
J. Brahms: Neue Liebesliederwalzer op.65
- Weiche Gräser im Revier
- Nagen am Herzen fühl ich
- Ich kose süß mit der und der
- Alles, alles in den Wind
- Schwarzer Wald, dein Schatten
- Nein Geliebter, setze dich
- Flammenauge, dunkles Haar
- Zum Schluss: Nun, ihr Musen, genug!
Programmbetrachtungen
Was haben die ‚Liebeslieder-Walzer‘ mit Kaspar Hauser, dem legendären Findelkind zu tun?
Die Antwort heißt: Georg Friedrich – nein, nicht Händel, sondern Daumer (1800-1875). Der Theologe, Philosoph und Schriftsteller G. F. Daumer verfasste 32 jener 33 Gedichte, die Johannes Brahms‘ Tanzlieder-Sammlungen ‚Liebeslieder-Walzer‘ und ‚Neue Liebeslieder-Walzer‘ zugrunde liegen. 27 Jahre zuvor war Daumer in Nürnberg mit der Erziehung Kaspar Hausers betraut worden. Aber der Reihe nach! Daumer, ungefähr ein Altersgenosse von Heine, Schubert, Droste-Hülshoff, Hauff, Lenau und Mörike, ferner Balzac und Victor Hugo, war in seiner Heimat-, der fränkischen Lebkuchen-Stadt Schüler an genau dem Gymnasium, das damals Georg Wilhelm Friedrich Hegel als Rektor leitete. Nach Beendigung des Philologiestudiums wurde Daumer dort 1823 selbst Gymnasiallehrer, allerdings nur für wenige Jahre, bis er wegen Kränklichkeit und eines Augenleidens seinen Schuldienst nicht mehr verrichten konnte / musste. Der Nürnberger Rat beauftragte ihn stattdessen 1828 damit, sich Kaspar Hausers, des urplötzlich aufgetauchten rätselhaften Findlings pädagogisch anzunehmen, und Daumer nahm Hauser in seine Wohnung auf. Schon ein gutes Jahr später wurde der zwar anderweitig in Obhut gegeben, doch Daumer widmete sich danach noch bis fast an sein Lebensende in Schriften mehrfach ausgiebig seinem Zögling, dessen Charakter und Werdegang. Daumers Lebenspfade führten ihn 1856 für vier Jahre auch nach Frankfurt am Main. Kurz zuvor, 1855, war (in Frankfurt) seine Gedichtsammlung „Polydora. Ein weltpoetisches Liederbuch“ erschienen, mit Übersetzungen und Nachbildungen verschiedener europäischer und auch außereuropäischer Volkspoesie. Das genau ist die textliche Basis der ‚Liebeslieder-Walzer‘.
Der Hintergrund der anderen, ihrer musikalischen Seite lässt sich in die Formel verknappen: Brahms – verhaltener Liebhaber und passionierter Walzerianer. Der gebürtige Hamburger Johannes Brahms (1833-1897) war 1862 erstmals in Wien, und spätestens von da an hatte er ein Faible für walzerartige Musik. 1865 veröffentlichte er, für die Musikwelt überraschend, 16 Walzer für Klavier (vierhändig). Im Jahrzehnt zuvor hatte er sich von seiner Herzensfreundin Clara Schumann und von seiner Verlobten Agathe von Siebold zurückgezogen – aus Bindungsscheu oder Furcht vor einem Verlust an Schaffenskraft? Der Nährboden für Liebeslieder in jeglicher Form blieb ihm nichtsdestoweniger erhalten. Nach allerlei philosophisch-theologischen Wegen, Um- und Abwegen landete Georg Friedrich Daumer im fortgeschrittenen Alter beim anti-aufklärerischen ‚transmontanen‘ Katholizismus, dessen Einstellungen von Brahms mit Sicherheit nicht geteilt wurden. Freilich war Daumer, ähnlich wie seine wenig älteren Zeitgenossen Friedrich Rückert und August von Platen, enorm gebildet und grenzüberschreitend interessiert, vor allem was andere europäische und einige außereuropäische Sprachen betraf. Als Lyriker (und Erzähler) ließ er sich namentlich von orientalischer Formkunst beeinflussen. Seine Dichtung wirkt öfter mehr ‚verkopft‘ oder gar ein wenig ‚verzopft‘ sowie handwerklich bestimmt denn empfunden oder hochgradig romantisch; doch gerade in „Polydora“ erzeigt sich Daumer auch als bildkräftiger und spritzig-witziger Sprachkünstler – mit erotischen Anspielungen und Naturbildern in volkstümlicher, zumeist knapp-prägnanter Diktion. Über 50 Daumersche Gedichttexte hat Brahms insgesamt vertont, die meisten aus „Polydora“, und davon 32 eben als ‚Liebeslieder-Walzer‘.
Der (vermeintlich) schwerblütig-ernste Johannes Brahms bewunderte die leichtfüßig daherkommende Kunst des Johann Strauß (Sohn) und fühlte sich ihm freundschaftlich verbunden. Zu Straußens Donau-Walzer schrieb Brahms die Bemerkung ‚leider nicht von mir‘. Nach Erscheinen der ersten Sammlung seiner ‚Liebeslieder-Walzer‘ vermerkte der Brahms-Verehrer und publizistische Förderer Eduard Hanslick: „Brahms und Walzer! Die beiden Worte sehen einander auf dem zierlichen Titelblatte förmlich erstaunt an.“ Manche Kritiker schienen etwas ratlos, in welches Schubfach diese Werke denn nun zu stecken wären; zumal op. 52 noch untertitelt war: „für das Piano zu vier Händen und Gesang ad libitum“ – vierhändige Klaviermusik also mit möglichem, aber nicht obligatorischem Hinzutreten von Singstimmen. Und im Übrigen waren die vielen kurzen Stücke zwar vom Wiener Walzer à la Strauß nicht unbeeinflusst geblieben, doch in der Mehrzahl sind sie eher gemütliche Wiener Ländler Schubertschen Typs. Unbestreitbar ist, dass Brahms darin eine Fülle an musikalischen Walzermitteln oder -schritten und an chorischen Satztechniken, kompositorischen Kniffen auffährt und der vierhändigen Klavierbesetzung eine beträchtliche Klangpalette zugutekommen lässt.
Es lohnt sich indessen, die beiden Sammlungen der tänzerisch gefassten Liebeslieder op. 52 und op. 65 einen Moment gesondert zu betrachten.
Die 18 Liebeslieder-Walzer op. 52 entstanden 1868/69 als Werk des Mitte 30-jährigen Brahms. Textgrundlage der Sammlung (die kein Zyklus ist) sind kurze lyrische Gebilde nach russischer, polnischer und ungarischer Volkspoesie. Der tonale Bogen der Lieder spannt sich von E-Dur bis Cis-Dur; 12, also zwei Drittel der Stücke stehen in Dur, mit Vorwalten von B-Tonarten (sowohl bei den Dur- als auch bei den Moll-Walzern), ein Dutzend verschiedener Tonarten begegnet uns; zweimal ist der Vokalpart solistisch besetzt, viermal in Duett-Konstellation. In Paaren sind die Stücke durchweg angeordnet, sowohl hinsichtlich der Tonarten als auch textinhaltlich. Der Liebe Lust und Wonne ist insgesamt vorherrschend, ungetrübt heitere und glückliche, wienerisch-weiche und genießerische Stimmung überwiegt.
Die 15 Neuen Liebeslieder-Walzer op. 65 entstanden ein halbes Jahrzehnt später und wurden 1875, als Werk des 42-jährigen veröffentlicht. Hier weitet Brahms den textlichen Fundus um Gedichte türkischen, persischen, baltischen, serbischen, sizilianischen, spanischen und malayischen Ursprungs aus. In den vermittelten Liebeszauber schleichen sich Untreue, Eifersucht, Verschmähung und Jammer verstärkt ein; passenderweise steht auch fast die Hälfte der Nummern in Moll, beginnend gleich mit dem a-Moll der ersten beiden. Die Singstimmen bekommen, auch solistisch, mehr Gewicht und Raum. Die paarige Anordnung ist beibehalten; lediglich No. 15, „Zum Schluss“, dessen Text nicht von Daumer, sondern von Goethe stammt, steht als quasi Walzerlied allein und bildet in F-Dur eine Art versöhnlichen Epilog.
Beide Liederreihen zusammengenommen verkörpern eine enorme Vielfalt, die sich auch tonartlich spiegelt. So sind von 12 möglichen Grundtönen insgesamt 10 vertreten (nur fis und h fehlen) – kein „Deca-merone“ gewiss, doch vielleicht eine klingende Art ‚Deca-amareno‘: zwischen Liebesglut, Genuss und Bitterkeit. Der Dreivierteltakt ist die Konstante und wird nur einmal unterlaufen, nämlich im besagten Schluss-Stück, das ungewöhnlicherweise im 9/4-Takt komponiert wurde („Brahms the progressive“ auch im Bereich seiner leichteren Muse?)
Die Liebeslieder-Walzer op. 52 und op. 65 erscheinen in unserem Konzertprogramm auf pfiffige Weise kombiniert mit Liebesbriefen bedeutender Paare der Musik-, Literatur- und Kunstgeschichte sowie einigen rein literarischen Liebesbrief-Texten.
Dr. Walter Windisch-Laube
