Lehrkräfte der Alsfelder Musikschule zur hr2-Kultur-Initiative
Sonntag, 17. Mai 2026
17 Uhr
Aula der
Albert-Schweitzer-Schule,
Schillerstraße 1, 36304 Alsfeld
DIE KÜNSTLER
Klavier 1 | Alexander Urvalov
Klavier 2 | Viktor Urvalov
Violine 1 | Igor Rogoshnikow
Violine 2 | Natalia Viskova
Viola | PohSuan Teo
Violoncello | Christian Niedling
Kontrabass | Michael Jakob
Querflöte/Piccolo | Roland von Tenspolde
Klarinette | Ulrike Schimpf
Marimba/Glockenspiel | Elke Saller
PROGRAMM
Violine & Violoncello – PohSuan Teo & Christian Niedling
JEAN-BAPTISTE BRÉVAL (1753-1823)
Aria und Variationen, op. 9 Nr. 1
Violine – PohSuan Teo
MARIA KANEKO MILLAR
Sakura
MITECHELL PETERS (1935-2017)
Yellow after the Rain
ELKE SALLER
El sù
Sea Refraction
Flöte und Klavier
Roland von Tenspole & Alexander Urvalov
GABRIEL FAURÉ (1845-1924)
Sicilienne (aus Pelléas et Mélisande), Transkription für Flöte und Klavier, op. 78
MAURICE RAVEL (1875-1937)
Pièce en forme de Habanera, Transkription für Flöte und Klavier
P A U S E
CAMILLE SAINT-SAëNS (1835-1921)
Karneval der Tiere / Le Carnaval des Animaux
1. Einleitung und Königlicher Löwenmarsch /
Introduction et Marche Royale du Lion
(Andante maestoso – Piu allegro)
2. Das Hühnergatter / Poules et Coqs
(Allegro moderato)
3. Tibetanische Maulesel / Hémiones
(Presto furioso)
4. Riesenschildkröten / Tortues
(Andante maestoso)
5. Im Elefantenhaus / L’Éléphant
(Allegretto pomposo)
6. Känguruhs / Kangourous
(Moderato)
7. Das Aquarium / Aquarium
(Andantino)
8. Die Langohrigen / Personnages à longues oreilles
(Tempo ad libitum)
9. Kuckuck im tiefen Wald / Le Coucou au fond des bois
(Andante)
10. Das Vogelhaus / Volière
(Moderato grazioso)
11. Klavierspieler / Pianistes
(Allegro moderato)
12. Fossilien / Fossiles
(Allegro ridicolo)
13. Der Schwan / Le Cygne
(Andantino)
14. Finale / Final
(Molto allegro)
Programmbetrachtungen
Das Konzept dieses Konzertes ist klar ersichtlich – im ersten Programmteil treten die meisten Solist*innen des danach erklingenden Ensemble- Werkes einzeln auf, werden zugleich die beteiligten Instrumentenfamilien vorgestellt: die der Schlaginstrumente, speziell der Idiophone (Selbstklinger, hier zunächst in Gestalt der Marimba, des größeren Xylophon-Geschwisters), die der Holzblasinstrumente (hier: Querflöte) und der Tasteninstrumente (Klavier bzw. Flügel) sowie schließlich der Streichinstrumente (im ersten Teil: Violine und Violoncello). Bis zur Pause mischen sich Werke amerikanischer Künstler unter die jener französischen Traditionsstränge, auf denen auch Saint-Saëns, der Komponist des zweiten Teils, unterwegs war.
Weniger bekannt, zumindest im Konzertleben, ist die auf youtube präsente Violinistin, Performerin und Komponistin Maria Kaneko Millarstrong>, bisweilen als ‚Queen of Fiddle‘ bezeichnet; ihr mit Abstand gefragtestes Einzelwerk ist das 2021 uraufgeführte Solostrück „Sakura“. Altersmäßig ihr Gegenstück im Programm bildet der französische Mozart- und Beethoven-Zeitgenosse Jean-Baptiste Bréval, heute vor allem unter Cellist*innen bekannt; hier vertreten mit der seinerzeit sehr beliebten Werkform ‚Thema (bzw. Aria) und Variationen‘. Noch ohrwurmverdächtiger kommen später die beiden Werke von Gabriel Fauréstrong> und Maurice Ravel daher; des Ersteren „Sicilienne“ aus seiner heute fast vergessenen Bühnenmusik zu „Pelléas et Mélisande“ (1898) schmeichelt sich in diversen Besetzungen jederzeit ein, und auch Ravels „Pièce en forme de Habanera“, 1926 für Violine und Klavier geschrieben, unterm Einfluss kubanischer Musik (namentlich aus der Hauptstadt Havanna) und des allbekannten Habanera aus Georges Bizets Oper „Carmen“, ist etliche Male bearbeitet worden. Elke Saller präsentiert auf der Marimba, dem Marimbaphon, auch ein eigenes Werk für dies Instrument, eingefasst von zwei Originalkompositionen des US-amerikanischen Perkussionisten Mitchell Peters, der als Solo-Schlagzeuger im Los Angeles Philharmonic Orchestra gewirkt hat. 1971 komponierte er „Yellow After the Rain“ für seine Privatschüler, um ihnen möglichst vielfältig das Mallets-Spiel mit vier Schlägeln nahezubringen. Es wurde und blieb eines der in Amerika meistgespielten Stücke für das große (Konzert-)Schlag-, Melodie- und Harmonieinstrument.
Wie Menschen sprechende und handelnde Tiere gibt es spätestens seit der Antike – in den Welten von Mythen und Fabeln, Tiergeschichten und -grotesken. Oft ging es in ihnen gar nicht zuvörderst darum, Tiere zu vermenschlichen, sondern eher, in Tiergestalt menschliche Verhaltensweisen bloßzustellen und/oder Weisheiten auszusprechen. Camille Saint-Saëns hat für den Bereich der Musik das Referenzwerk für Bestiarien verschiedener Art geschaffen. Saint-Saëns war nicht allein Wunderkind und früh vollendetes Musik-Genie, von Liszt und Debussy ebenso geschätzt und bewundert wie von Glenn Gould, sondern auch ein Universalist, einer der schreibenden, reisenden und forschenden Zünfte, was sich namentlich auch auf die Reiche der ‚Natur‘ erstreckte. Über Saint-Saëns‘ musikgeschichtliche Bedeutung wird gestritten (immerhin hat er mit seinem ‚Karneval‘ das Xylophon und das Akkordeon in die klassische Musik eingeführt); er war ein Einzelgänger und wohl auch Sonderling, und keine der für ihn ausersehenen Schubladen wie „Klassizist“, „Traditionalist“ oder „Eklektiker“ passt so recht auf diesen zwischen Klassik, Romantik und Moderne oft irgendwie unbehaust gebliebenen Komponisten.
Camille Saint-Saëns war (als Tasten-Dozent) einer derjenigen, die Robert Schumanns Klavierwerk in Frankreich bekanntmachten; in dessen pianistischem Zyklus „Carnaval“ op. 9 gibt es mancherlei tonliche Verkleidungen und mehr oder weniger versteckte Anspielungen. Saint-Saëns‘ ‚Car- naval des animaux‘ geht von Schumanns Verrätselungen (samt deren Verästelungen) aus und führt sie sowohl in parodistischer als auch in zoologischer Hinsicht weiter. Hier begegnen der Kammer- und der Orchestermusik-Komponist Saint- Saëns nicht nur einander, sondern auch dem in der Konzertmusik nicht allzu verbreiteten Pflänzchen ‚parodistischer Humor‘. Camille Saint-Saëns, in anderen Werken ein formbewusster, zuwei- len etwas kühler ‚Klassizist‘, wird hier zum funkensprühenden Unterhalter, der uns eine abwechslungsreiche Folge von musikalischen Epigrammen oder Capriccios (italienisch capricci, ‚Launen‘) mit Inhalten zwischen Fabel und Satire schenkt. Vierzehn Tierbilder fügen sich zu einer Art Konzert für Klavierduo und Kammerorchester mit weiteren Solisten. Camille Saint-Saëns komponierte es in wenigen Tagen während eines dörflichen Erho- lungsurlaubs in Österreich; beim traditionellen Karnevalskonzert des Cellisten Charles-Joseph Lebou wurde es am 9. März 1886 uraufgeführt und erlebte kurz darauf zwei weitere Aufführungen. Da bekam der Komponist, womöglich auch hinsichtlich der Spitzen gegen seine Kollegen im Werk, ‚Angst vor der eigenen Courage‘. Angesichts des für seine Verhältnisse übergroßen Erfolgs untersagte der Komponist jede Veröffentlichung und Aufführung zu seinen Lebzeiten – was auch befolgt wurde, mit einer Ausnahme: Die russische Primaballerina Anna Pawlowa erwirkte sich 1905 das Recht, den ‚Schwan‘ unterm Titel ‚Der sterbende Schwan‘ gemeinsam mit Michail Fokin / Michel Fokine als Solo-Tanzstück zu choreographieren; diese dreizehnte Nummer der Gesamtkomposition blieb die bis heute am meisten verbreitete und beliebteste daraus, als Repertoire- und Zugabenstück für Cello mit Klavier sowie in allerlei Bearbeitungen. Das Opus insgesamt wurde erst drei Monate nach dem Tode von Camille Saint-Saëns erneut aufgeführt, das war im Februar 1922, und gleichfalls (ohne Opuszahl) postum erstmals gedruckt.
Das Werk steht in seiner Art ziemlich einzigartig da und funktioniert, sprich: wirkt auf mehreren Ebenen. Zunächst als Programm-Musik mit Tier-Charakterisierungen, die schon Kindern unmittelbar zugänglich sind, sodann als musikalischer Spaß für alle; zudem eine Art Bildungs-Gesellschaftsspiel, bei dem es ums Erraten der musikalischen Vorlagen geht. Und schließlich als Verspottung oder mindestens Ironisierung von Komponisten und Kompositionen, die vor oder zu Saint- Saëns‘ Zeit erfolgreicher waren als die seinen. Die Hühner und Hähne in No. 2 gackern und rufen frei nach „La Poule“ von Jean-Philippe Rameau (1683-1764), Jacques Offenbachs „Cancan“, sein All-time-Hit aus der Operette ‚Orpheus in der Unterwelt‘ (1858), eines der schnellsten Stücke der Zeit, gibt bei Saint-Saëns in ‚Zeitlupe‘ die melodische Substanz des Schildkröten-Satzes (No. 4) ab, in welchem so genannte Konfliktrhythmen (Triolen gegen Achtel) als BewegungsHemmungen eingesetzt sind. Der Elefant (No. 5) verkörpert sich melodisch-rhythmisch in einem leichtfüßigen Ballett-Thema (‚Tanz der Sylphen‘) aus Hector Berlioz‘ Opernwerk ‚Fausts Verdammnis‘ (1846) und einer Passage des nicht minder elfenhaften Scherzos aus Felix Mendelssohn Bartholdys Musik zu Shakespeares ‚Sommernachtstraum‘ (1842/43); mit der berühmt-berüchtigten „Schule der Geläufigkeit“ von Carl Czerny (1791-1857) werden die ‚Pianisten‘ (No. 11) traktiert und als Tiere karikiert. Die ‚Fossilien‘ (No. 12) kommen mit Saint-Saëns‘ eigenem „Danse macabre“ / ‚Totentanz‘ daher und sind alte (als eingesargt betrachtete?) französische Volkslieder: „J’ai du bon tabac“, „Ah! vous dirai-je, maman“ (bei uns als ‚Morgen kommt der Weihnachtsmann‘ bekannt), „Au clair de la lune“ und „Partant pour la Syrie“; außerdem scheint in der Sammlung von Versteinerungen die Arie der Rosina aus Giacchino Rossini Oper ‚Der Barbier von Sevilla‘ (1816) auf; und es gibt in No. 13 – wen wundert’s – sowie No. 14 außerdem Anklänge an Pjotr Iljitsch Tschaikowskis ‚Schwanensee‘-Ballett. Mehr der Situations- als der Anspielungs- und Verfremdungs-Komik verpflichtet sind der ‚Königliche Löwenmarsch‘ (No. 1), mit dem (selbstredend) die ‚Marche Royale‘ aus der höfischen Zeremonie in La France persifliert wird, und das groteske Esels-Duett (No. 8), worin als ‚Langohrige‘ auch die Musikkritiker aufs Korn genommen werden.
Die einzelnen Nummern verbindende und/oder erklärende Erzähltexte zum ‚Karneval der Tiere‘ existier(t)en u.a. von Leonard Bernstein und Othmar Mága, Loriot, Peter Ustinov und Klaus Havenstein – die vorgestellten Szenerien reichen vom Zoobesuch bis zum Konzert der Tiere, die sprachlichen Sphären von der Kinder-Erzählung bis zur bissigen Satire. Roger Willemsen hat 2003 mit seinem „Karneval der Tiere“ dreizehn pikant-ironische, im doppelten Sinne ‚fabelhafte‘ Tiergedichte (sowie einen Epilog) beigesteuert, die sich recht freizügig und vor allem sprachwitzig-süffisant gegenüber den Nummern und ihren Tier-Überschriften bewegen, vielleicht ließe sich sagen: eine Art ‚On-Off-Beziehung‘ zu ihnen pflegen, mit allem Drum und Dran: touchieren, tangieren, separieren, retournieren … Und Volker Kriegel (1943-2003), das unvergessene Multi-Talent, bis heute vor allem als herausragender Jazz-Gitarrist im Bewusstsein, illustrierte Willemsens scharfzüngig-humoristischen, pikanten bis spöttischen Gedichtzyklus mit feinem Strich, dezenter Kolorierung und ebenso bildungstiefem wie cartoonistisch sprühendem Witz. Volker Kriegel starb knapp zwei Wochen nach Fertigstellung der gemeinsamen Arbeit am „Karneval der Tiere“ mit nur 59 Jahren. Dies war sein ‚Schwanengesang‘. Roger Willemsen lebte noch fast 13 Jahre, doch auch er starb an Krebs und wurde nur wenig älter als Kriegel, nämlich 60 Jahre alt.
Nahezu unsterblich dagegen erscheint, auch durch die Rezeptionsgeschichte und mit ihr, Camille Saint-Saëns‘ „Le Carnaval des Animaux“, die Pièce de résistance eines Mannes, der selbst vielleicht ein etwas ‚komischer Vogel‘ gewesen ist.
Hinein nun ins Vergnügen. Wie lauten doch Roger Willemsens erste und letzte Verse seines ‚Karneval‘:
Hochverehrtes Publikum,
Damen, Herren, ungelogen:
Schön habt Ihr Euch angezogen.
…
Ziehn wir los, uns amüsieren,
in den Karneval mit Tieren.
Walter Windisch-Laube
