
Claire Huangci, Klavier
Sonntag, 25. Oktober 2026
17 Uhr
Neue Aula der
Albert-Schweitzer-Schule,
Schillerstraße 1, 36304 Alsfeld
DIE KÜNSTLERIN
Claire Huangci, Klavier
„Sie hat die schnellsten Finger der Welt, aber sie benutzt sie nicht, um anzugeben. Sie benutzt sie, um die Wahrheit zu erreichen.“
— The Guardian
Die junge amerikanische Pianistin Claire Huangci, Gewinnerin des Géza-Anda-Wettbewerbs 2018, begeistert ihr Publikum immer wieder mit ihrer „strahlenden Virtuosität, künstlerischen Sensibilität, ausgeprägtem interaktiven Gespür und subtiler auditiver Dramaturgie" (Salzburger Nachrichten). Mit unbändiger Neugier und Vorliebe für ungewöhnliches Repertoire beweist sie ihre Vielseitigkeit mit einer breiten Palette von Projekten.
In Solorezitals und als Partnerin internationaler Orchester wie dem Radio-Sinfonieorchester Stuttgart, dem Tonhalle-Orchester Zürich, dem Radio-Sinfonieorchester Wien, dem Mozarteumorchester Salzburg und dem China Philharmonic Orchestra hat sich Claire Huangci als gefragte Künstlerin etabliert. Sie konzertierte in Häusern wie der Carnegie Hall New York, der Suntory Hall Tokio, dem NCPA Peking, der Philharmonie de Paris, dem Münchner Gasteig, dem Leipziger Gewandhaus und der Elbphilharmonie Hamburg.
Ihre internationale Karriere begann Claire bereits im Alter von neun Jahren mit Konzertauftritten und Wettbewerbserfolgen. Sie studierte am Curtis Institute of Music in Philadelphia bei Eleanor Sokoloff und Gary Graffman, bevor sie 2007 für weitere Studien bei Arie Vardi an die Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover nach Deutschland wechselte.
Ihre Diskografie zeugt von ihrer künstlerischen Bandbreite: Aufnahmen von Scarlatti-Sonaten, die mit dem Preis der deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet wurden, sowie die Gesamteinspielungen der Chopin-Nocturnes und der Rachmaninow-Préludes. Ihre jüngsten Alben loten häufig die Schnittstelle zwischen klassischer Tradition und moderner Interpretation aus – stets auf der Suche nach jener frischen Perspektive, die zu ihrem Markenzeichen geworden ist.
ManagementSchmidt Artists International
PROGRAMM
FANNY HENSEL, geb. Mendelssohn (1805-1847)
4 Charakterstücke für Klavier aus: „Das Jahr” H 385
Februar – Scherzo
Mai – Frühlingslied
Juni – Serenade
September – Am Flusse
FRYDERYK CHOPIN
Ballade Nr. 2 F-Dur op. 38
FANNY HENSEL
- Notturno in g-Moll H 337
- Capriccio h-Moll H 349
-- PAUSE --
FRYDERYK CHOPIN
- Ballade Nr. 3 As-Dur op. 47
- Ballade Nr. 4 f-Moll op. 52
Florence Price (1888-1953)
- Your Hands in Mine
- Fantaisie Nègre Nr. 2
George Gershwin (1898-1937)
Rhapsody in Blue
Programmbetrachtungen
Diese Programmbetrachtungen sollen ausnahmsweise mit einem besonderen Blick auf die besondere Pianistin begonnen werden. Claire Huangci ist ein ‚Star‘. Nun sind wir es ja hier in Alsfeld schon fast gewohnt, dass Künstlerinnen und Künstler auf dem Weg zu einer großen Karriere, an deren Beginn stehend, für ‚Musik Art‘ (Zwischen-) Station machen. Bei Haungci liegt der Fall anders. Sie ist bereits auf den großen Bühnen zu Hause, immer wieder im Radio zu hören und mit Auftritten auf den Podien großer Städte – und kommt dennoch zum ersten Mal in unsere Kleinstadt; und dies mit einem Programm, das sich – selbstverständlich – bestens hören, doch in seiner Einzigartigkeit auch in anderem Sinne sehen lassen kann: Musik von Komponistinnen originell kombiniert mit Gershwin und Chopin.
Die vier ‚Balladen‘ Opus 23, op. 38, op. 47 und op. 52 gehören zu den gewichtigsten Werken Fryderyk Chopins. 1836, 1839, 1841 und 1843 veröffentlicht, durchziehen sie einen Großteil seines schöpferischen Lebens. Chopin war der erste, der den literarischen Typus der Ballade und diese Bezeichnung auf die Klaviermusik übertragen hat. Die so neu geschaffene Gattung Klavier-Ballade, später von Robert Schumann, Johannes Brahms, Franz Liszt, Edvard Grieg und anderen, darunter auch der Komponistin Amy Beach, fortgeführt, bietet viel Stoff, um über Merkmale des ‚Erzählenden‘ im Medium Musik nachzudenken. Wie weit die Anregungen durch die ‚Balladen‘ des Polen und somit Chopin-Landsmannes Adam Mickiewicz (1798-1855), das erste Werk der polnischen literarischen Romantik, tatsächlich reichen, ist nicht durch die Quellenlage gesichert und ebensowenig eindeutig. Fest steht, dass die Gattung ‚Ballade‘ die einzige der literarischen Kunst entlehnte in Chopins Instrumentalmusik ist, und fest steht auch, dass Chopin und Mickiewicz einander kannten, dessen Dichtungen Chopin geläufig waren (einer Aussage Robert Schumanns gemäß ihn auch explizit anregten), und dass Mickiewicz sich nicht gerade in Chopin-Verehrung erging. Möglicherweise hat er Chopins mutmaßliche Anverwandlung seiner Balladen ähnlich gering geschätzt wie Goethe die der seinen durch Schubert und andere.
Plausibel erscheint freilich, dass Chopin vor allem deshalb auf die literarische Gattung Ballade zurückgegriffen hat, weil sie nach zeitgenössischer Auffassung „alle drei Grundarten der Poesie“ als „lebendiges Urei“ (Goethe) in sich vereine und somit lyrische, epische und dramatische Momente in freiem, fließendem Wechsel erlaube. Damit erschien die Gattung auch besonders geeignet, ein ‚nationales Wesen‘, einen ‚Volksgeist‘ in seiner Ursprünglichkeit zur Darstellung zu bringen – ein Anliegen Chopins insbesondere zur Zeit seiner ersten Klavierballade. Die wechselnden poetischen Elemente werden von ihm durch Bewegungszustände oder -stadien ausgedrückt, welche zugleich unterschiedliche Seelenzustände spiegeln – weit weniger aber Inhaltliches jedweder Art abbilden, auch wenn Heldenerzählung (Ballade 1), Naturmagie (2), der Undine-Stoff (3) und eine Drei-Brüder-Sage (4) jeweils einen Erzähl-Hintergrund darstellen mögen. Chopins Balladen beginnen – grob gesagt – quasi episch, auch mit improvisatorischem Gestus, gehen in lyrisch-liedhafte Gestaltung über und werden (mittels Virtuosität und dynamischer Aufgipfelung) ins Dramatische gesteigert. Dabei bleibt das Metrum außer in der 1. Ballade durchgängig im 6er-, sprich: zusammengesetzten 3er-Takt. Dass Chopin dabei mit verschiedenen Formgebungen, nicht zuletzt dem Sonatensatz-Dualismus, rhapsodisch frei, zugleich aber stringent experimentiert und doch die Eingängigkeit (bis hin zum ‚Ohrwurm-Qualitäten‘) nicht auf der Strecke bleibt, erweist seine besondere kompositorische Kunst. Sie gipfelt in der vierten Ballade, in welcher Elemente der Sonatenform, des Rondos und der Variationenfolge verschmolzen sowie wohlabgewogen zur finalen Kulmination geführt werden. Lange vor Peter Tschaikowski hat Fanny Hensel, geb. Mendelssohn, in einem Klavierzyklus jedem Monat des Jahres ein eigenes Stück gewidmet – „Das Jahr“, ein pianistisch dankbares und zugleich herausforderndes Werk. Ihre Ausbildung bekam Fanny (wie ihr Bruder Felix) in Berlin bei erstklassigen Lehrern: Ludwig Berger sowie Ignaz Moscheles (Klavier) und Carl Friedrich Zelter (Komposition). Ab 1829 war sie mit dem Maler und Zeichner Wilhelm Hensel verheiratet, der sie nach Kräften förderte und unterstützte.
Ab 1837 geriet Fanny Hensel in eine Lebenskrise, sicherlich dadurch mitbedingt, dass ihr Bruder Felix sich beharrlich weigerte, sie als professionelle Komponistin anzuerkennen und ihr zu entsprechender öffentlicher Würdigung zu verhelfen. Um dieser Krise zu begegnen und zu entrinnen, unternahm sie 1839 mit Mann und Kind eine Italienreise. Viele künstlerisch anregende Begegnungen und mediterrane Landschafts-Eindrücke wirkten tatsächlich positiv, und Fanny erlebte eine Art neuen Schaffensrausch. Zu dessen Früchten zählen auch das Capriccio h-Moll H 349 und besonders die 12 Charakterstücke „Das Jahr“ (H 385), von denen uns die Monate Februar, Mai, Juni und September zu Gehör kommen. Die Komponistin hat den Teilen des Zyklus nicht nur Satzbezeichnungen, sondern auch Mottos vorangestellt. Das Februar-Stück, in Fis-Dur mit der Tempo-Bezeichnung „Presto“, ist auf den 28. August 1841 datiert – an diesem Tag hätte Goethe seinen 92. Geburtstag begangen –, und nennt folgende Zeilen aus ‚Faust II‘ (1. Akt, Szene „Weitläufiger Saal“) als literarischen, hier wohl eher dem römischen Karneval geltenden, Bezug: ‚Denkt nicht, ihr seid in deutschen Grenzen / Von Teufels-, Narren- und Totentänzen; / Ein heitres Fest erwartet euch‘. Für den Mai, Allegro vivace e gioioso (A-Dur, 16.10.1841), hat Fanny Hensel, etwas frei nach dem Gedächtnis zitiert, eine Zeile aus Ludwig Uhlands Gedicht „Frühlingsglaube“ gewählt: ‚Es blüht das fernste, tiefste Tal [/mitzudenkende Fortsetzung: Nun, armes Herz, vergiss der Qual]‘ . Das Juni-Stück der Erstschrift entstand am 29.10.1841, doch hat Fanny Hensel das ‚Monatsbild‘ später für die Reinschrift als Allegro in gleicher Tonart d-Moll neu komponiert – und mit zwei Versen aus der Walpurgisnacht-Szene von ‚Faust I‘ als poetischer Einstimmung versehen (V. 3883 f.): ‚Hör‘ ich Rauschen? Hör‘ ich Lieder? / Hör‘ ich holde Liebesklage […]?‘. Faust spricht diese Worte „im Wechselgesang“ mit Mephisto, während beide von einem Irrlicht ‚geführt‘ werden. Auch das September-Stück, eine 6/8-Barcarole in h-Moll mit der Charakterbezeichnung „Andante con moto“, weist eine Besonderheit auf: es erschien als eines der wenigen Werke der Komponistin bereits zu ihren Lebzeiten; das Motto im ‚Jahres‘-Zyklus stammt aus Goethes Gedicht „An den Mond“: ‚Fließe, fließe, lieber Fluss! / Nimmer werd‘ ich froh‘.
Vor der besagten Italienreise entstand, 1838, Hensels „Notturno“ in g-Moll, zeitlich inmitten der mehr als 20 Chopinschen ‚Nocturnes‘, von denen zwei ebenfalls in g-Moll stehen. Das von Fanny Hensel ist ein Andantino im 6/8-Takt, in diesem Fall mehr dem Siciliano- denn dem Barcarole-Typus angelehnt.
Ist Fanny Hensel als Schwester Felix Mendelssohn Bartholdys, seine höchste künstlerische Instanz, und als hochbegabte, äußerst vielseitige und eigenständige Komponistin hierzulande mittlerweile vielen ein Begriff, so gilt dies leider weniger für Florence Price, geb. Smith. Sie war die Tochter einer Musiklehrerin und ein pianistisches wie kompositorisches ‚Wunderkind‘, und sie wurde als erste Afroamerikanerin überhaupt durch das Komponieren klassischer Musik bekannt. Nachdem sie sich in ihren mittleren Jahren für afroamerikanische Kulturen engagiert hatte und mit ein paar eigenen Klavierstücken reüssieren konnte, schlug sie sich nach der Scheidung von ihrem Mann, einem Rechtsanwalt, unter anderem als Klavierlehrerin, Verfasserin populärer Songs und Stummfilmorganistin durch. In diese Zeit fiel 1932 die Komposition ihrer zweiten (erst 2020 im Druck veröffentlichten) „Fantasie nègre“. Kurz darauf hatte Price ihren Durchbruch als Orchesterkomponistin und konnte einige größere Erfolge feiern. Doch die blieben für sie als woman of color in einem von (alten) weißen Männern geprägten kulturellen Umfeld nicht nachhaltig; so wurde ihr kein Rang in der amerikanischen Musikgeschichte zugestanden, und sie geriet nach ihrem Tod schnell in Vergessenheit.
Das Genre der ‚afroamerikanischen Fantasie‘ ist eine eigene Erfindung von Florence Price; sie verknüpft darin das Idiom von Spirituals und Plantagen-Songs mit Überlieferungen der europäischen, klassisch-romantischen Klavierfantasie. In ihrem g-Moll-Werk fällt das stark ausgeprägte Call-and-response-Prinzip auf: Vorsänger – Chor, hier in Gestalt von Fanfarenstößen und Arpeggio-Akkordik. Die Einleitung mit ihrer Gegenüberstellung von hoher und tiefer Lage lässt weibliche und männliche Stimmen assoziieren; auch in den Kontrast der zwei Themen- und Tonartenkomplexe (g-Moll versus B-Dur) lassen sich entsprechende Prinzipien hineininterpretieren, zumal ihr Dualismus auf satztechnisch profunde, kunstreiche Weise unterlaufen oder ‚überwunden‘, im Hegelschen Sinne letztlich ‚aufgehoben‘ wird.
Mehr als ein Jahrzehnt nach den insgesamt vier ‚Fantasies nègres‘, in einer anderen Schaffensphase, entstanden einige romanzenhafte Klavierstücke, von denen das im November 1943 fertiggestellte „Your Hands in Mine“ nicht nur das extensivste ist, sondern auch das über den längsten Zeitraum hin, nämlich in vier ‚Anläufen‘, komponierte. Jahre nach ihrer letzten dokumentierten Liebesbeziehung ergeht sich Price in musikalischen ‚Erinnerungen‘ an Zweisamkeit und emotionale Hochs und Tiefs; das Ergebnis ist ein vollgriffiges Werk mit großem romantischem Gestus, häufigen Registerwechseln, extremen Klanglagen und Glocken-Effekten …
George Gershwins „Rhapsody in Blue“ von 1924, die weltweit Beachtung fand, gilt als Schlüsselwerk der Verbindung von Merkmalen klassischer Musik und des Jazz, der allerdings bei ihm weniger in ‚reiner‘ Form denn in seiner Adaption durch die Broadway-Unterhaltungsmusik, also in gewisser Weise ‚sophisticated‘ begegnet. Nichtsdestoweniger wurden zahllose Songs und Stücke Gershwins zu Jazz-Standards durch die gesamte Geschichte dieses Genres. Im Alter von nur 38 Jahren erlag George Gershwin einem Hirntumor (ein Jahr jünger als Fryderyk Chopin bei seinem Tod).
1898 in Brooklyn (New York) geboren, kam Gershwin über seine Aktivitäten für den Broadway in die Sphäre der so genannten E-Musik. Auf diesem Wege schuf er durch die Verbindung von Jazz- und Blues-Elementen mit konzertanter Sinfonik eine Art US-amerikanischer Nationalmusik. Seine wirkungsvolle, geradezu ikonische ‚Rhapsody‘ ist im Original mit Klavier und Orchester besetzt. Claire Huangci erstellte eigenhändig eine höchst anspruchsvolle Transkription für Klavier solo. Sie möge hier für sich selbst ‚sprechen‘. Mit dem rhapsodischen Moment schließt sich in der Programm-Architektur der Kreis zu Chopins eröffnenden Balladen.
Dr. Walter Windisch-Laube
